Warum klingen Praktikumszeugnisse immer positiv – und was steckt dahinter?
Arbeitszeugnisse und Praktikumszeugnisse klingen immer positiv – das schreibt das Gesetz vor (Wohlwollenspflicht). Aber hinter den freundlichen Formulierungen stecken versteckte Bewertungen, die erfahrene Personalverantwortliche sofort erkennen. Auch dein Praktikumszeugnis folgt diesem Code.
Welche Note steckt hinter welcher Formulierung im Praktikumszeugnis?
Die Zeugnissprache verwendet eine eigene Notenskala, die auf bestimmten Formulierungsmustern basiert:
Note 1 – Sehr gut
- "...stets zu unserer vollsten Zufriedenheit"
- "...hat die Aufgaben stets mit außerordentlichem Engagement erledigt"
- "...zeigte hervorragende Leistungen"
Note 2 – Gut
- "...stets zu unserer vollen Zufriedenheit"
- "...hat die Aufgaben stets mit großem Engagement erledigt"
- "...zeigte gute bis sehr gute Leistungen"
Note 3 – Befriedigend
- "...zu unserer vollen Zufriedenheit" (ohne "stets"!)
- "...hat die Aufgaben mit Engagement erledigt"
- "...zeigte zufriedenstellende Leistungen"
Note 4 – Ausreichend
- "...zu unserer Zufriedenheit" (ohne "vollen" und ohne "stets")
- "...hat die Aufgaben erledigt"
- "...bemühte sich, die Aufgaben zu erledigen"
Note 5 – Mangelhaft
- "...hat sich bemüht, die Aufgaben zur Zufriedenheit zu erledigen"
- "...zeigte Interesse an den Aufgaben" (ohne Ergebnis!)
- "...war stets bemüht" (der berühmteste Zeugniscode – bedeutet: hat es versucht, aber nicht geschafft)
Welche Signalwörter im Praktikumszeugnis sind positiv oder negativ?
Positive Signale
- "stets" = immer, durchgehend → Note 1-2
- "vollsten" = höchste Steigerung → Note 1
- "hervorragend", "außerordentlich" = sehr gut → Note 1
- "eigeninitiativ" = arbeitet selbstständig → positiv
Negative Signale
- "bemüht" = hat es versucht, aber nicht geschafft → Note 4-5
- "im Großen und Ganzen" = nicht wirklich → Note 3-4
- "war pünktlich" = hatte sonst nichts Positives → Note 4-5
- Fehlende Themen: Was nicht erwähnt wird, fehlt bewusst → negativ
Wie ist ein Praktikumszeugnis aufgebaut?
Ein ordentliches Praktikumszeugnis enthält:
- Überschrift: "Praktikumszeugnis" oder "Zeugnis"
- Einleitung: Name, Geburtsdatum, Praktikumszeitraum, Abteilung
- Unternehmensbeschreibung: Kurze Vorstellung des Betriebs
- Aufgabenbeschreibung: Was du im Praktikum gemacht hast
- Leistungsbeurteilung: Wie gut du deine Aufgaben erledigt hast
- Verhaltensbewertung: Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden
- Schlussformel: Danksagung, Bedauern über das Ausscheiden, Zukunftswünsche
Was verrät die Schlussformel im Praktikumszeugnis?
- Sehr gut: "Wir bedanken uns für die hervorragende Zusammenarbeit, bedauern sein/ihr Ausscheiden sehr und wünschen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg."
- Gut: "Wir danken für die gute Zusammenarbeit und wünschen für die Zukunft alles Gute."
- Mittelmäßig: "Wir wünschen für die Zukunft alles Gute." (ohne Dank, ohne Bedauern)
- Schlecht: "Wir wünschen ihm/ihr für die Zukunft alles Gute." ("ihm/ihr" statt persönlicher Ansprache)
- Gar keine Schlussformel: Sehr negativ
Was ist der Unterschied zwischen einfachem und qualifiziertem Praktikumszeugnis?
- Einfaches Zeugnis: Nur Angaben zur Person, Dauer und Art der Tätigkeit. Keine Bewertung. Reicht für kurze Praktika.
- Qualifiziertes Zeugnis: Zusätzlich Leistungs- und Verhaltensbewertung. Bei längeren Praktika (ab 3 Monaten) steht dir ein qualifiziertes Zeugnis zu.
Was tun wenn das Zeugnis schlecht ist?
- Gespräch suchen: Sprich den Betreuer darauf an und bitte um Korrektur
- Konkret benennen: Zeige die problematischen Formulierungen und erkläre, warum du eine andere Bewertung verdienst
- Beratung: Gewerkschaften und Arbeitsrechtsberatungen helfen kostenlos bei der Zeugnis-Analyse
- Rechtlich: Du hast Anspruch auf ein wohlwollendes, wahrheitsgemäßes Zeugnis
Was solltest du dir zur Bewertung deines Praktikumszeugnisses merken?
Dein Praktikumszeugnis ist mehr als ein Stück Papier – es ist ein Code, den Personalverantwortliche lesen können. Lerne die wichtigsten Formulierungen, achte auf die Schlussformel und scheue dich nicht, bei einer unfairen Bewertung nachzuhaken. Ein gutes Zeugnis ist Gold wert für deine zukünftigen Bewerbungen.